Donnerstag, 10. Mai 2018

Zwischen Maibock und Mostschorle ***



Kein Wunder, dass sich der Goldene Adler seit 1876 in den Händen einer Metzgersdynastie befindet: die umfangreiche Speisekarte mit schmückender Schmeck-den-Süden-Zertifizierung dürfte jedes Carnivorenherz höher schlagen lassen! Da ich die letzten Sauren Nierle im letzten Jahrhundert goutiert habe, bleibt mir nur der interessierte Blick auf übervolle Nachbarteller, die vor glänzenden Fleischbrocken und sämiger Soße förmlich überquellen. Sogar die vom Grund her vegetarischen Kässpätzle werden mit Speck angeboten. Ist aber kein Muß!

Dass wenige Hundert Meter entfernt eine nahe Verwandte liegt, der ich bei zahlreichen Hausschlachtungen assistiert habe, setzte den Koinzidenzen noch die Krone auf. Ich erhebe mein überaus leckeres Mostschorle (grandios!) und stoße in Gedanken auf unser aller Wohl an!


Menge:  eine riesige Portion, serviert in einem noch riesigeren tiefen Teller
Spätzle: eindeutig hausgemacht
Käse: vermutlich Emmentaler
Zwiebeln: winzige Stückchen von ledrig-würzigen Röstzwiebeln
Viskosität: kurz zierliche Fäden ziehend, danach eher trocken (der Speck hätte sicherlich für mehr  Geschmeidigkeit gesorgt)
Beilage: der extra dazu bestellte Beilagensalat ist förmlich ein Gedicht: schön knätschiger Kartoffelsalat, zweierlei Möhre (rohe Juliennestreifen und gekochte Scheiben), sauer eingelegte rote Paprika, süsslich marinierter Chinakohl, gehobelte Gurke und Blattsalate in sahnigem Dressing
Zubereitungszeit: kaum länger als eine Viertelstunde
Abgang: trotz gleichzeitigen Konsums von fast einem Liter Mostschorle aus eigener Herstellung ergibt sich keine explosive Mischung, sondern eine angenehme Symbiose
Preis: 8,20 Euro (Kässpätzle) plus 4,00 Euro (Beilagensalat)
Bewertung:  Das Maibockgulasch meines Mitessers, der entzückende Blick auf ein verwunschenes Gärtlein und das nun angenehm reduzierte Ambiente des nach einem verheerenden Brand wiederaufgebauten Gasthofes: das alles hinterlässt wohlige Gefühle. Bei den Kässpätzle würde ich mir eine kleiner Portion, doch dafür mit begleitendem Beilagensalat wünschen.

Lokalität: Goldener Adler
Neckarstraße 5
72160 Horb
Tel. +49 (0) 7451 - 55 29 90
E-Mail: info@goldener-adler-hotel.de

Freitag, 27. April 2018

Die letzten Kässpätzle vor Juist ***


















Eben noch im sonnigen Allgäu - eine Woche später schon an der windumtosten Nordsee. Größer könnte der Kontrast kaum sein! Doch die kulinarische Welt besteht nicht nur aus Matjes und Krabben. Seit 2012 hat sich auf Borkum eine Multi-Kulti-Crew um Osman Kalkinc geschart, die sich  "Genussvoll, wohlschmeckend, heimisch, herzlich, aufmerksam, gastfreundlich" auf die Fahnen (respektive die Speisekarte) geschrieben hat.

Die aufmerksame Gastfreundlichkeit geht so weit, dass sich Chef Osman überraschend an unseren Tisch setzt, um dort die Teelichter anzuzünden und gerne auch unsere Fragen zu beantworten. So erfahren wir, wie die Allgäuer Kässpätzle und das (eigentlich badische) Schäufele auf die Nordseeinsel kommen.

Menge: eher dürftig
Spätzle: der (leider inzwischen verstorbene) aus Ulm stammende Koch hat das Handschaben noch Osmans Söhnen gelehrt - heutzutage wird der Teig aus "Bio-Mehl und Bio-Eiern" aber wohl gehobelt
Käse: laut Karte: Allgäuer Emmentaler
Zwiebeln: die angekündigen Röstzwiebeln muss man leider suchen
Viskosität: die bereits abgekühlt servierten, nur noch lauwarmen Kässpätzle lassen die gewünschte Homogenität wermissen
Beilage: zusammen mit den Kässpätzle werden auf einer länglichen, formschönen Schale aus gelbem Craquelé noch etwas Rucula, Krautsalat, Gurkenscheiben und Apfelspalten angerichtet
Zubereitungszeit: lange 25 Minuten, bei vollem Haus
Abgang: zurück bleibt Hunger und ein schales Gefühl
Preis: das "Spezialitäten-Restaurant" lässt sich nicht lumpen und verlangt 14,90 Euro
Bewertung: Am nordwestlichsten Zipfel Deutschlands haben Kässpätzle eindeutig einen hohen Exotismus-Faktor. Der Kenner wird jedoch einiges an Güte und Menge vermissen. Wir honorieren dennoch den guten Willen und das gehobene Ambiente.

Lokalität: Restaurant Alt-Borkum
Roelof-Gerritz-Meyer Str. 10
26757 Borkum
Tel. +49 4922 2005
E-Mail: info@restaurant-altborkum.de

Samstag, 14. April 2018

Mit Nathan dem Weisen in Weiler ****

















Wer hätte gegenüber des kargen Simmerberger Busbahnhofs ein solch stilvolles, schmuckes Kleinod erwartet? In einem Ensemble von fein renovierten Jugendstilvillen lockt die Villa Lessing nicht nur mit einem prächtigen Garten samt Sonnenterrasse. Jedes Detail des Ambientes, jede Geste der Inhaber und des Services signalisieren: hier darf man sich willkommen fühlen! Viele aufmerksame Kleinigkeiten erfreuen den Gast: adrette Tischläufer, grazile Trinkgläser mit Gravur, fedriges Fenchelgrün als Speisendekoration, frische Handtücher auf den Toiletten.

Auch wenn Lessing der Familienname der Inhaber ist, bleibt anzumerken: heute vor genau 235  Jahren fand die Uraufführung von Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise" statt. Wenn das kein Zeichen ist!

Menge: selbst die kleine Portion (als Sonderwunsch) ist noch enorm und macht pappsatt
Spätzle: gut von einander abgegrenzte Knöpfle
Käse: eine spezielle Ländle-Käs-Mischung aus Vorarlberg
Zwiebeln: Röstzwiebeln mit leicht süßlicher Note (aber leiderleider nur ein Versucherle)
Viskosität: von eher trockener Konsistenz, mit fädenziehendem Käse
Beilage: allein dieser, in einem formschönen Porzellanschiffchen servierte, bunte Salat verdient Höchstnoten: zarte Pflücksalate, knackige Gurkenrechtecke, mit Kreuzkümmel orientalisch gewürzte gelbe Möhren und aromatischer Fenchel werden von einer gelben Blüte frühlingshaft gekrönt
Zubereitungszeit: keine Ahnung - während wir über Architektur, Ornamentik, Natur und Garten staunen, kommt auch schon das Essen
Abgang: erstaunlich sättigend
Preis: 10,50 für die normale und 9,50 Euro für die (auf Extrawunsch) kleine Portion - beides mit gemischtem Salat
Bewertung: Erstklassige Zutaten, küchenhandwerkliches Können, sowie viel Liebe und Kreativität beim Arrangement sorgen für genussvolles Speisen. Gerne hätte ich noch weitere Gerichte neben den vorzüglichen Kässpätzle probiert - allein der täglich wechselnde Mittagstisch bietet genügend Verlockungen! Und wäre nicht auch eine Übernachtung in der adretten Jugenstil-Villa reizvoll?

Lokalität:  Pension Villa Lessing
Bahnhofstraße 14
88171 Weiler-Simmerberg
Tel. 08387 / 463
E-Mail: info@pension-villa-lessing.de

Freitag, 13. April 2018

Wirtshaus mit Bettstatt ****

















Nur knapp verpassen wir das Highlight der Woche, den tradtionellen Kässpatzenabend jeden Donnerstag.  Das bedeuet: Show-Cooking in der Gaststube und bedenkenloses All you can eat. Davon schwärmen sogar die Eingeborenen.

Schon allein die malerische Fahrt nach Akams toppt visuell das morgendliche Alpenpanorama auf 3SAT. Auch das schmucke Wirtshaus in der Ortsmitte könnte geradewegs einem Landlust-Magazin entsprungen sein. Und man spürt: die feschen Dirndl der aufgeweckten Service-Damen sind keinesfalls pure Staffage, sondern gelebte Heimatverbundenheit.

Menge: so viel, wie in eine traditionelle hiesige Keramikschüssel passt (= nicht zu bewältigen!)
Spätzle: von Hand gehobelte Knöpfle
Käse: ein beeindruckend kräftiger, ungeheuer herzhafter  Diepolzer-Käserei-Mix aus Bergkäse, Emmentaler und - an bestimmten Tagen - Limburger. Und jawoll, wir haben genau einen bestimmten Tag erwischt!
Zwiebeln: reichlich krosse Röstzwiebeln, von denen man am liebsten ein Pfund mitnehmen würde
Viskosität: cremig-kompakt
Beilage: dieser traurige, wässrige, geschmacklose Beilagensalat aus einigen Kopfsalatblätter und einer Alibi-Tomate ist das einzige Ärgernis
Zubereitungszeit: kaum mehr als 10 Minuten
Abgang:  die zutiefst glücksbringende Sättigung wird nur noch durch einen Schlehengeist aus der Selection45 der der Sulzberger Allgäu-Brennerei versüsst
Preis: 9,50 Euro (inklusive Beilagensalat)
Bewertung: Hier stimmt einfach alles: zünftiges Ambiente im gehobenen Landhausstil, entwaffnend herzlicher Service und absolut großartige Kässpätzle. Einen Punkteabzug gibt nur der Beilagensalat, der leider weit unter dem hiesigen Niveau rangiert. 

PS. Den Posttitel haben wir der farbenfrohen Serviette entnommen.

Lokalität: Wirtshaus "Zum lustigen Hirsch"
Akams 3
87509 Immenstadt im Allgäu
Telefon +49 (0) 8323 49 15
E-Mail info@lustiger-hirsch.de

Montag, 2. April 2018

In Kürze: ohne Würze ***
















Oberlengenhardt muss man erst mal finden - wenn man nicht zufällig zu Fuss auf dem Heidelbeerweg unterwegs ist. Glücklicherweise können wir heute als Local Guide und Chauffeur einen Freund gewinnen, dessen überraschende Ortskenntnisse noch auf Erfahrungen der 80er Jahren des letzten Jahrhunderts basieren. Aber die sind fundierter als jegliche GPS-Koordinaten!

Wer vom still und ruhig gelegenen Landgasthof Ochsen übrigens nicht mehr heimfinden sollte, kann hier auch übernachten. Doch auf der Homepage wird gemahnt: "Stellen Sie sich aber auf jeden Fall den Wecker, denn unsere Betten sind so gemütlich, dass Sie vielleicht gar nicht mehr aufstehen möchten."

Menge: die beachtliche Portion wird direkt im gusseisernen Pfännle an den Tisch gebracht - Reste werden gerne eingepackt
Spätzle: leider vollkommen geschmacksneutral
Käse: was uns hier als Bergkäse propagiert wird, zieht zwar ansehnliche Fäden, hat jedoch keinerlei Aroma und Würze
Zwiebeln: crispy Röstzwiebeln, von denen wir gerne noch mehr gehabt hätten
Viskosität: fädenziehend (s. Käse)
Beilage: am Salatbüffet darf man sich eine grosse Schale nach eigenem Gusto selbst befüllen, z.B. mit Kartoffelsalat, Blattsalaten, fein gestifteltem Rettich, noch feiner geriebenen Möhren, Krautsalat, Gurkensalat, Maiskörnern, Artischockenböden, Croutons, Kürbiskernen, Leinsamen
Zubereitungszeit:  überraschend kurz und zudem mit einem Gruss aus der Küche schnell überbrückt
Abgang: leider etwas schal und unbefriedigend - ein geheimnisvoller Moor-Birnen-Brand sorgt für den letzten Kick!
Preis: 11,80 Euro (inkl. Salat vom Büffet)
Bewertung: An der ambitionierten Speisekarte und dem Engagement des Services lässt sich ein deutlich höheres Niveau erahnen, als wir letztendlich auf unserem Teller vorfinden. Die Kässpätzle sind leider derart geschmacklos, dass auch reichlich Pfeffer und Salz dieses doch optisch hübsche Arrangement nicht mehr retten können. War der Koch heute einfach undisponiert und nicht ganz bei der Sache?

Lokalität: Landgasthof Hotel Ochsen
Burgweg 3
75328 Schömberg-Oberlengenhardt
Tel. +49 7084 927950
E-Mail: info@landgasthof-ochsen.de


Sonntag, 11. März 2018

Üppiges Gastmahl ****
















Die Erfahrung zeigt: je mehr man sich in Richtung Allgäu oder Vorarlberg bewegt, desto schmackhafter werden die Kässpätzle und desto intensiver nähern sie sich meinem favorisierten Idealzustand an.

Auch wenn die Zeppelinstadt Friedrichshafen noch kaum auf meiner imaginierten Kässpätzle-Landkarte verzeichnet ist, reise ich neugierig an. Eine aktuelle Kunstausstellung und das längst überfällige Treffen mit alten Freunden ist Anlass genug! Den einheimischen Freunden ist dann auch die Empfehlung dieses hervorragenden, fast bis zum letzten Platz belegten, recht zünftigen Restaurants zu verdanken. Kein Wunder, wurde es doch nach einem römischen Feldherrn benannt, der für seine üppigen Gastmahle bekannt war...


Menge: eine kaum zu bewältigende Portion, formschön im gusseisernen Pfännle serviert
Spätzle: natürlich hausgemacht (und das schmeckt man!)
Käse: eine höchst gelungene, rezente Mischung aus 65% Bergkäse und 35% Emmentaler von der Sennerei Bremenried aus Weiler im Allgäu
Zwiebeln: jede Menge crispy Röstzwiebeln
Viskosität: saftig-knusprig
Beilage: leider keine - ein extra Beilagensalat (z.B. nach Reichenauer Art) kann jedoch dazu bestellt werden
Zubereitungszeit: eine geschätzte Viertelstunde
Abgang: wohlig
Preis: 9,90 Euro
Bewertung: Höchst schmackhafte Kässpätzle, sehr ansprechende Präsentation, rustikales Ambiente und ein überaus freundlicher Service machen dieses Essen zum Genuss. Lediglich ein fehlender Beilagensalat verhindert die Vergabe der Höchstpunktzahl.

Lokalität: Lukullum
Friedrichstraße 21
88045 Friedrichshafen
Tel. +49 (0) 75 41 68 18
E-Mail: info@lukullum.de

Donnerstag, 8. März 2018

Unter Hauben und Sternen *****

 

Wallfahrt in den Wanderhimmel und das Haubenparadies. Wenn ein befreundeter Wirtschaftskundler einen runden Geburtstag begeht, kann man den schon mehrfach feiern. Und das nicht zu sparsam...

In der urigen, rustikalen Bauernstube der Traube Tonbach habe ich vor gefühlt einer Dekade bereits sensationelle Käsespätzle gegessen. Ob das wiederholbar ist? Auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin, zaubert der Küchenchef Florian Stolte eine neue Interpration meiner Leibspeise, obwohl sie derzeit nicht auf der Karte steht. Zusammen mit einem prickelnden Hausaperitiv, aromatischen Hors d´Oeuvres (winzige Quiches, sahniger Kräuterquark, deftiges Griebenschmalz) und liebreizendem Konfekt zum Digestiv ergibt dieses Mittagsmahl ein unvergessliches Geburtstagsarrangement. Dermaßen gestärkt hält unser Freund sicherlich weitere 10 Jahre durch!

Menge: schlichtweg die Idealportion
Spätzle: habhaft
Käse: Emmentaler pur
Zwiebeln: knackige Röstzwiebeln als Topping
Viskosität: Spätzle, Käse und mikroskopisch feingehackte Kräuter vermengen sich herrlich homogen
Beilage:  ein extra georderter Beilagensalat aus megafrischen Blattsalaten und aromatisch würzigen Rettichstiften in delikatem Dressing
Zubereitungszeit: circa 20 Minuten, die mit einem formidablen Gruß aus der Küche und nach Wunsch mit einer Vorspeise sehr angenehm verkürzt werden
Abgang: dank 4cl Zibärtle aus dem Hause Scheibel ganz vorzüglich
Preis: 12,00 Euro (Käsespätzle) plus 6,00 Euro (Beilagensalat)
Bewertung: Für mich ein lang ersehntes Revival der besonderen Art! Hochwertige Zutaten, eine qualitätsvolle Zubereitung und ein höchst aufmerksamer Service sorgen für ein genussvolles Erlebnis!

Lokalität: Traube Tonbach
Tonbachstraße 237
72270 Baiersbronn
Telefon : +49 7442 492-0
E-Mail : reservations@traube-tonbach.de